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„Nicht ein Visum wurde begonnen“

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„Nicht ein Visum wurde begonnen“

Für manche Menschen ist Fassungslosigkeit ein Grund anzuklagen. Für Andere ist sie ein Grund abzuwiegeln. Das demonstrierten bei „Markus Lanz“ der Soldat Marcus Grotian und der CDU-Politiker Tilman Kuban.

Die Gäste

Marcus Grotian, Bundeswehrsoldat, Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks Afghanische OrtskräfteMarie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP-VerteidigungspolitikerinTilman Kuban, CDU, Vorsitzender der Jungen UnionGerald Knaus, Soziologe und Migrationsforscher

„Herzlich willkommen auf der Webseite der Deutschen Botschaft Kabul!“ Die fröhliche Begrüßung mutet etwas seltsam an. Unter dem Hinweis, dass die Botschaft seit 15. August 2021 geschlossen ist, verspricht die Auslandsvertretung dennoch: „Wichtige Informationen für Visaantragsteller in Neu-Delhi! Wichtige Informationen für Visaantragsteller in Islamabad!“ In diese Städte haben sich viele Ortskräfte der Bundeswehr vor den Taliban geflüchtet. Doch wer unter diesen Links auf Hilfe zur Weiterreise nach Deutschland hofft, bekommt auf Deutsch und Englisch nur die deprimierende Fehlermeldung: Der gesuchte Inhalt existiert nicht. Für Hauptmann Marcus Grotian wäre das vermutlich eine ziemlich treffende Zusammenfassung der deutschen Unterstützung für ihre langjährigen Helfer.

Für manche Menschen ist Fassungslosigkeit ein Grund anzuklagen, für Andere ist sie ein Grund abzuwiegeln. Zwischen diesen Polen bewegten sich am Donnerstagabend bei „Markus Lanz“ der Bundeswehrsoldat und der CDU-Politiker Tilman Kuban. Der 34-jährige Vorsitzende der Jugendorganisation von CDU/CSU beteuerte angesichts der Vorgänge in Afghanistan: „Mich hat es sprachlos gemacht.“ (Die Sendung wurde vor den Attentaten in Kabul aufgezeichnet, wann genau, teilte das ZDF nicht mit.) Im nächsten Atemzug verteidigte Kuban die unter anderem von Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) geäußerte Warnung „2015 darf sich nicht wiederholen“ mit dem Verweis auf die Flüchtlingskrise. Kuban ließ geradezu nonchalant den Namen des Attentäters Anis Amri fallen und warnte vor vermeintlichen Flüchtlingen, die „mit 14 Identitäten durchs Land laufen“.

Fassungslosigkeit, die jedes Nachhaken verbietet

Aber: Gegen Ortskräfte hat Kuban natürlich nichts, die müssten selbstverständlich aus Afghanistan geholt werden. Die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann nannte den Verweis auf Amri in diesem Zusammenhang „perfide“. Als auch Lanz erbost nachfragte, warum er die Flüchtlingskrise hier überhaupt anspreche, gab sich Kuban ahnungslos, was die Aufregung soll – oder vielleicht hat er es tatsächlich nicht verstanden. Ansonsten schien der Unionspolitiker trotz seiner Fassungslosigkeit wenig Anlass für Konsequenzen zu sehen. Das Schema haben wir in den vergangenen Monaten immer häufiger gesehen.

Groteskes Versagen bei Impfstoffbeschaffung, Katastrophenschutz, Evakuierung von Ortskräften wird von Politikern mit „Fassungslosigkeit“ begegnet. Da wird es als geradezu anstößig dargestellt, in einer solchen Ausnahmesituation, wo das Leben von Menschen auf dem Spiel steht, derart profane Fragen wie die nach Verantwortlichkeiten zu stellen. Jetzt muss man erst mal handeln, über Konsequenzen kann später entschieden werden, heißt es dann gern – am besten von den möglicherweise Betroffenen selbst. So fand denn auch Kuban, dass Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ja angekündigt hat, selbst über ihre Rolle bei dem Debakel reflektieren zu wollen. Damit schien die Sache für ihn gegessen zu sein.

Auch Grotian ist angesichts des Versagens der deutschen Politik fassungslos. Der Bundeswehrsoldat hatte der Bundesregierung am Dienstag (24. August 2021) in einem viel beachteten Auftritt in der Bundespressekonferenz unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen. Fünf Briefe hatte der Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte nach eigenem Bekunden im Juni und Juli direkt an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geschickt, vor der eskalierenden Lage vor Ort gewarnt und konkrete Hilfsangebote unterbreitet. „Ich habe nie eine Antwort bekommen“, berichtete Grotian – bis heute nicht. „Die Kanzlerin hat sich nie für Afghanistan interessiert“, meinte Strack-Zimmermann.

Soldat klagt Regierung an

Grotian, der 2011 und 2012 in Kundus stationiert war, warf der Bundesregierung vor, fast wie mit Scheuklappen nur auf bürokratischen Abläufe gestarrt zu haben, ohne die realen Bedingungen vor Ort in Betracht zu ziehen. So sei selbst nach der Ermordung des afghanischen Regierungssprechers nicht der Eindruck entstanden, dass die Ausreise der Ortskräfte beschleunigt werden sollte. „Es gab immer noch nicht ein Visum, das begonnen wurde von der Personengruppe, die seit dem 16.6., auch auf Druck der Kanzlerin, visaberechtigt gewesen wäre. Nicht ein Visum wurde begonnen nach unserer Wahrnehmung“, klagte der Hauptmann an. Das wäre am Ende aber vermutlich sowieso umsonst gewesen. Denn angesichts der komplizierten Abläufe hätte die Ausgabe eines Visums mindestens vier bis sechs Wochen gedauert: „Selbst wenn sofort Visa begonnen wären, wären die Leute nicht im Flugzeug gewesen.“ Da verkommt Bürokratie zum zynischen Selbstzweck.

Grotian wirkte bei Lanz zwar immer noch kämpferisch, aber auch erschöpft und desillusioniert. Es klang fast wie ein Flehen als er forderte: „In kriegsähnlichen Zuständen darf nicht das bürokratische Abarbeiten von Verfahren der Schwerpunkt sein, sondern das Lösen der Aufgabe: Menschen in Sicherheit bringen.“ Ob er künftig weiter die Uniform tragen möchte, darüber will sich Grotian erst Gedanken machen, wenn Ruhe eingekehrt ist. Derzeit ist sein Verein mit der Versorgung von Ortskräften, die es nach Deutschland geschafft haben, beschäftigt und kämpft weiterhin für die ehemaligen Weggefährten, die in Afghanistan festsitzen. Außerdem wird sein Verein von Hilfsangeboten überschüttet. Zum Glück bleibt der Soldat, der kein Blatt vor den Mund nimmt, offenbar von Hass verschont. „Das Feedback ist fast zu hundert Prozent positiv“, sagte er bei Lanz.

Ob Grotian in der Bundeswehr eine Zukunft hat, liegt nicht nur an ihm selbst. Weiter oben in der militärischen Hierarchie würden derzeit sicherlich Menschen darüber nachdenken, ob sie künftig mit ihm zusammenarbeiten wollen, mutmaßte Grotian. „Warum, weil Sie ein Nestbeschmutzer sind?“, fragte Lanz. „Man hat mir schon durchaus aufgezeigt, dass meine Kommunikationsfreudigkeit in die Medien nicht das Schönste ist“, erwiderte der Hauptmann. Sollte der Helfer tatsächlich abgestraft werden, sich Entscheider aber stillschweigend nach der Bundestagswahl aus der Verantwortung stehlen können, wäre es wieder an der Zeit für Fassungslosigkeit. Dann aber hoffentlich für Fassungslosigkeit, die etwas in Bewegung setzt.


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